Warum reagieren wir in manchen Situationen plötzlich mit Rückzug, Überforderung, Wut oder Erstarrung?
Warum fällt es manchen Menschen schwer, ihre Grenzen zu setzen, während andere scheinbar mühelos für sich einstehen können?
Und was hat unser Körper mit all dem zu tun?
In dieser Podcastfolge spreche ich mit Susanne Knipfer, Physiotherapeutin, Heilpraktikerin und körperorientierte Psychotherapeutin, über die faszinierende Verbindung zwischen Körper, Psyche und früher Prägung.
Wir tauchen gemeinsam in die Welt der Körperpsychotherapie und des Bodynamic-Ansatzes ein und sprechen darüber, wie Erfahrungen aus unserer Kindheit nicht nur in unserem Gedächtnis, sondern auch in unserer Muskulatur, Haltung und unserem Nervensystem gespeichert werden können.
Der Körper vergisst nichts
Unser Körper ist weit mehr als ein biologisches System.
Er trägt die Spuren unserer gesamten Lebensgeschichte.
Wie viel Sicherheit wir erlebt haben, wie wir gelernt haben, Beziehungen einzugehen, ob unsere Grenzen respektiert wurden und wie wir mit Herausforderungen umgehen – all das kann sich langfristig in unserer Körperhaltung, Muskelspannung und unserem Bewegungsverhalten zeigen.
Viele Menschen erleben immer wieder dieselben körperlichen Beschwerden:
- chronische Verspannungen
- Rückenschmerzen
- Nackenbeschwerden
- wiederkehrende Anspannung
- Erschöpfung
- das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen
Oft reicht rein körperliches Training allein nicht aus, um diese Muster dauerhaft zu verändern. Der Körper erzählt häufig eine tiefere Geschichte.
Was ist Körperpsychotherapie?
Körperpsychotherapie verbindet psychologische Prozesse mit körperlicher Wahrnehmung und Bewegung.
Statt ausschließlich über Probleme zu sprechen, wird der Körper aktiv in den therapeutischen Prozess einbezogen.
Dabei geht es unter anderem um Fragen wie:
- Wo spüre ich ein bestimmtes Gefühl im Körper?
- Was passiert körperlich, wenn ich „Nein“ sage?
- Wie reagiert mein Nervensystem auf Nähe oder Distanz?
- Welche Muskelgruppen sind dauerhaft angespannt oder unter Spannung?
Der Körper wird dabei nicht als Symptomträger betrachtet, sondern als wichtiger Zugang zu unbewussten Erfahrungen und gespeicherten Beziehungsmustern.
Warum Grenzen ein Körperthema sind
Ein zentrales Thema unseres Gesprächs sind Grenzen.
Viele Menschen glauben, Grenzen seien vor allem eine Frage der Kommunikation.
Aus Sicht der Körperpsychotherapie beginnen Grenzen jedoch bereits viel früher.
Schon als Säuglinge lernen wir über Berührung, Nähe und Kontakt:
- Das bin ich.
- Das bist du.
- Hier endet mein Raum.
- Hier beginnt dein Raum.
Diese frühen Erfahrungen prägen später, wie sicher wir uns fühlen, für unsere Bedürfnisse einzustehen und unsere Grenzen wahrzunehmen.
Wenn Grenzen in der Kindheit wiederholt übergangen wurden, entwickeln wir häufig Schutzstrategien.
Zum Beispiel:
- Rückzug
- Anpassung
- Überanpassung
- übermäßige Kontrolle
- ständiges Funktionieren
- starke Abgrenzung gegenüber anderen
Diese Strategien waren oft sinnvoll, um Sicherheit zu schaffen. Im Erwachsenenalter können sie jedoch Beziehungen und persönliche Entwicklung einschränken.
Wenn „Nein“ sagen Angst macht
Viele Menschen erleben beim Grenzen setzen starke Unsicherheit.
Nicht weil sie nicht wissen, was sie wollen.
Sondern weil ihr Nervensystem gelernt hat:
Wenn ich Nein sage, verliere ich möglicherweise Verbindung.
Aus diesem Grund fühlt sich ein gesundes Nein oft zunächst unangenehm an.
Der Körper reagiert mit:
- Anspannung
- Herzklopfen
- Unsicherheit
- Scham
- Schuldgefühlen
- innerem Stress
Genau hier setzt körperorientierte Therapie an.
Sie hilft dabei, neue Erfahrungen von Sicherheit zu machen und Schritt für Schritt zu erleben, dass Grenzen und Beziehung gleichzeitig möglich sind.
Trauma zeigt sich im Körper
Traumatische Erfahrungen sind immer auch Grenzverletzungen.
Wenn ein Mensch Situationen erlebt, die sein Nervensystem überfordern, entstehen häufig automatische Schutzreaktionen:
- Kampf
- Flucht
- Erstarrung (Freeze)
- Dissoziation
Diese Reaktionen sind keine Schwäche.
Sie sind intelligente Überlebensstrategien des Körpers.
Problematisch wird es erst dann, wenn das Nervensystem dauerhaft in diesen Mustern gefangen bleibt und Sicherheit nicht mehr zuverlässig wahrnehmen kann.
Warum Heilung über Beziehung entsteht
Ein besonders berührender Gedanke aus unserem Gespräch:
Viele unserer Verletzungen entstehen in Beziehungen.
Deshalb heilen sie häufig auch in Beziehungen.
Neue Erfahrungen von Sicherheit, Respekt und gesunden Grenzen können dem Nervensystem helfen, alte Muster schrittweise zu integrieren.
Dabei geht es nicht darum, die Vergangenheit zu löschen.
Es geht darum, neue Erfahrungen hinzuzufügen, sodass mehr Handlungsspielraum entsteht.
Heilung bedeutet nicht, dass alte Prägungen verschwinden.
Heilung bedeutet, dass wir nicht mehr ausschließlich von ihnen bestimmt werden.
Der Körper als Weg zurück zu uns selbst
Viele Menschen verbringen Jahre damit, ihre Themen zu verstehen.
Doch Verstehen allein reicht oft nicht aus.
Erst wenn wir beginnen, die Signale unseres Körpers wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben, entsteht echte Veränderung.
Der Körper kennt Erfahrungen, an die wir uns bewusst oft nicht erinnern können.
Er speichert Sicherheit genauso wie Überforderung.
Und genau deshalb kann er auch ein wichtiger Schlüssel sein, um neue Wege zu lernen.
Nicht gegen uns.
Sondern gemeinsam mit uns.
In dieser Podcastfolge
Wir sprechen über Körperpsychotherapie, Bodynamic, frühe Kindheitsprägungen, Grenzen, Nervensystemregulation, Trauma, Bindung, Dissoziation, Muskelspannung, Körperwahrnehmung, Heilung durch Beziehung und die Frage, wie unser Körper uns dabei helfen kann, uns selbst besser zu verstehen.
Eine Folge für alle, die sich tiefer mit sich selbst beschäftigen möchten und verstehen wollen, warum manche Muster nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper gespeichert sind.
Die ganze Podcastfolge findest du hier:

